Opfer von Gewalttaten nehmen oft erst spät Hilfe in Anspruch

In einer Studie haben niedersächsische Psychologen und Ärzte untersucht, wovon es abhängt, wie schnell sich Betroffene an die zuständigen Ämter wenden

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Jede Gewalttat ist für die Betroffenen ein traumatisches Erlebnis – und oft halten die dabei erlittenen psychischen Verletzungen länger an und sind schwerer zu behandeln als mögliche körperliche Spuren. Das OEG sieht daher neben Geldleistungen und einer Heil- und Krankenbehandlung auch therapeutische Hilfen vor. „Mit einer solchen Therapie sollte möglichst früh begonnen werden, damit sich Traumafolgen wie Ängste oder Depressionen nicht verfestigen und zu dauerhaften Gesundheitsstörungen führen“, sagt Dr. Stefanie Franke, heute leitende Ärztin des versorgungsärztlichen Dienstes Baden-Württemberg.

Wie die von ihr geleitete Studie nun zeigt, schaffen es viele Geschädigte jedoch nicht, ihren Antrag zeitnah zu stellen: Von über 300 OEG-Anträgen, die Franke und ihre Kollegen beim Niedersächsischen Landesamt für Soziales, Jugend und Familie sichteten, wurde nur die Hälfte binnen eines Jahres nach der Tat gestellt. Bei mehr als einem Drittel verstrichen zwischen Tat und Antragstellung sogar über fünf Jahre.

Ziel der Studie war es, Faktoren zu identifizieren, die die Antragstellung verzögerten. „Das war unter anderem der Fall, wenn die Betroffenen wiederholt Traumatisierungen ausgesetzt waren oder wenn eine enge Beziehung zum Täter bestand“, berichtet Franke. Hier könnten emotionale Hindernisse wie Scham, Schuldgefühle oder Loyalität eine Rolle spielen, aber auch eine wirtschaftliche Abhängigkeit vom Täter. Auch wenn die Betroffenen infolge der Tat unter einer Depression litten, wurden die gesetzlich vorgesehenen Hilfen besonders spät in Anspruch genommen. Die Forscher nehmen an, dass hier Symptome wie Antriebslosigkeit und Rückzug die Suche nach professioneller Hilfe erschweren.

Für die Forscher überraschend war das Ergebnis, dass Opfer, die eine Posttraumatische Belastungsstörung entwickelt hatten, im Vergleich schneller einen Hilfsantrag stellten. „Womöglich ist der ursächliche Zusammenhang von Trauma und psychischer Störung bei der PTBS definiert und augenscheinlich, sodass vom helfenden Umfeld, behandelnden Psychologen oder Ärzten der Bezug zu Hilfs- und Versorgungseinrichtungen leichter hergestellt werden kann“, erklärt Franke. Insgesamt führten körperliche Verletzungen häufiger dazu, dass die Betroffenen sich rascher an die Ämter wandten – offenbar erwarten sie eher, Hilfen zugesprochen zu bekommen.

Angesichts der Ergebnisse sprechen sich die Studienautoren für eine schnellere und bessere Versorgung der Betroffenen aus. „Wir müssen die Angebote besser auf die Bedürfnisse der Opfer zuschneiden und die Schwellen für diejenigen senken, die sich bislang mit der Suche nach Hilfe schwertun“, erklären sie.

FZMedNews, Thieme Verlag

S. Franke et al.:Opfer von Gewalttaten im Verfahren nach dem  Opferentschädigungsgesetz PPmP – Psychotherapie Psychosomatik Medizinische Psychologie 2018  erschienen am 22.6.2018